Interview mit einer jungen COVID-19 Genesenen

2. April 2020 Von Anna Katschnig

Wien am 29. März 2020

“Die Unverwundbaren”. Insbesondere junge Menschen sind sich der aktuellen Gefahr, ausgehend vom SARS-CoV-2 Virus, nicht wirklich bewusst. Medien vermitteln den Eindruck, dass schwere Verläufe nur in Personen mit Vorerkrankungen oder älteren Menschen vorkommen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnte vor einigen Tagen eindringlich davor, den Krankheitsverlauf nicht zu unterschätzen und appellierte dabei vehement an die jüngeren Generationen. Ich habe mit Sophia gesprochen, 30 Jahre, keine Vorerkrankungen. Eine fitte junge Frau. Sie hat mir ihre persönliche Geschichte rund um ihre COVID-19 Infektion und darauffolgende COVID-19 Erkrankung erzählt. Ihr Freund, mit dem sie auch zusammenlebt, ist ebenfalls erkrankt. Aus ihren Erzählungen wird deutlich, dass die Symptomatik leider nach wie vor häufig falsch eingeschätzt wird und dass von Seiten der Behörden hier noch viel Lernbedarf besteht. Aber lest selbst das spannende Interview mit Sophia.

Anna: Liebe Sophia, vielen Dank für deine Zeit. Dein Freund und du, ihr habt ja die letzten 18 Tage aufgrund eurer COVID-19 Erkrankung, ausgelöst durch den SARS-CoV-2 Virus, in Quarantäne verbracht. Wie geht es dir bzw euch mittlerweile und wie würdest du die Symptome, die du hattest, beschreiben?

Sophia: Hallo Anna. Danke, uns geht es im Großen und Ganzen wieder gut, mir ist es aber wichtig hier das „wieder“ zu betonen. Insgesamt war der Verlauf meiner Erkrankung zwar recht mild, dazwischen war die Erkrankung aber schon teilweise heftig. Die klassischen Symptome wie hohes Fieber und starker Husten hatte ich für einige Tage, dem ist eine grippale Phase mit Kreislaufproblemen, Gliederschmerzen und Schüttelfrost vorausgegangen. Darmprobleme hatte ich persönlich nicht aber ein Bekannter der betroffen war hatte zum Beispiel auch Durchfall. Ich hatte keinen Schnupfen, der Husten war ganz trocken. Mein Freund hatte einen deutlich anderen, noch milderen Verlauf als ich. Auch ihm geht es mittlerweile wieder gut.

Anna: Wann hattest du erstmals den Verdacht, dass du mit SARS-CoV-2 infiziert sein könntest?

Sophia: Einige Tage bevor die grippeartigen Symptome bei mir begonnen hatten war ich auf einer Veranstaltung an der jemand teilgenommen hatte, der im Nachhinein positiv getestet wurde. Diese Information kam praktischerweise über die Veranstaltungsseite auf Facebook, das war Ende Februar. In Zusammenhang mit meiner Symptomatik habe ich dann bereits Verdacht geschöpft. Am 06.03. habe ich habe dann bei „1450“ angerufen. Dort wurde mir allerdings gesagt, dass die klassischen COVID-19 Symptome in meinem Fall nicht gegeben wären, daher wurde keine Testung veranlasst. Es wurde auch keine Selbstisolation empfohlen, ich blieb trotzdem für vier Tage sicherheitshalber Zuhause. Nach ein paar Tagen mit viel Schlaf ging es mir besser, dann bin ich am 10.03. wieder in die Arbeit gegangen. In der Früh habe ich mich gut gefühlt aber untertags entwickelte ich dann plötzlich doch starken Husten sodass ich nach Hause gefahren bin. Dort habe ich dann das Fieber bemerkt.

Anna: Wie ging es dann weiter?

Sophia: Mein Freund und ich, er war auch schon seit einigen Tagen am herumkränkeln, haben uns dann beratschlagt und erneut bei „1450“ angerufen. Dort war aber kein Durchkommen möglich. Daher haben wir bei der AGES angerufen (Anmerkung: Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit; Infoline Coronavirus: 0800 555 621), die haben uns dann empfohlen bei der Berufsrettung anzurufen. Kurz darauf kam die Rettung, mit Mundschutz und Schutzanzug. Es wurde dann Fieber gemessen (fast 39°C), Puls und Sauerstoffsättigung überprüft und ein Test auf SARS-CoV-2 empfohlen. Meine Sauerstoffsättigung war ok aber ich hatte ein beklemmendes Gefühl in der Lunge und zusätzlich leichte Atembeschwerden. Die Berufsrettung wollte mich zuerst ins Krankenhaus mitnehmen, da gab es allerdings ein Missverständnis, denn sie dachten ich hätte akute Atemnot was aber nicht der Fall war, daher bin ich zuhause geblieben. Die Rettung verständigte eine Amtsärztin, welche dann am nächsten Tag für die Testung vorbeikam. Am 11.03. kam dann also die  Amtsärztin mit Schutzmaske und stellte uns auf einigen Metern Abstand einige Fragen zu den Symptomen und dem möglichen Ansteckungsweg. Es wurden sehr schnell Schlüsse gezogen und sie meinte es wäre unnötig zu testen, da sie die Kriterien nicht erfüllt sah. Ich musste sie vehement darum bitten uns doch zu testen. Etwas widerwillig hat die Ärztin dann ihren Schutzanzug aus dem Auto geholt, sich angezogen, machte noch einen abschätzigen Kommentar und hat dann bei uns beiden den Nasen-Rachen-Abstrich durchgeführt. Wir mussten unsere Röhrchen beschriften und waren dann offiziell in Quarantäne. Dazu bekommt man zwar ein Infoblatt, es gab aber leider kein weiteres aufklärendes Gespräch indem wir Hilfestellungen geboten bekommen hätten wie wir die nächsten Wochen meistern sollen. Ab dem Zeitpunkt wo der Abstrich für den Test durchgeführt wird bist du verpflichtend 14 Tage in Quarantäne, auch wenn dieser negativ ausfällt. Wenn das Testergebnis negativ ist, werden trotzdem die 14 Tage abgewartet anschließend wird ein weiterer Test gemacht, dieser muss negativ sein um wieder aus der Quarantäne zu dürfen. Dann kam also das große Warten, wir durften die Wohnung nicht mehr verlassen.

Anna: Das klingt ja alles etwas chaotisch ehrlichgesagt. Wie lange musstet ihr auf das Testergebnis warten?

Sophia: Am Freitag, den 13.03.2020 kam dann das Ergebnis, dass wir beide positiv sind, also zwei Tage nach dem Abstrich.

Anna: Welche Symptome hatte dein Freund? Bei ihm hattet ihr ja eigentlich von vornherein keinen Verdacht, oder?

Sophia: Mein Freund hatte andere Symptome als ich, er ist 33, fit und hat ebenfalls keine Vorerkrankungen. Er hatte weder Husten noch andere respiratorischen Symptome außer bei Anstrengung leichte Atembeschwerden. Das ist ja das gefährliche an dem Virus, man kann die Symptomatik nicht immer als Indiz heranziehen, dass man positiv sein könnte.

Anna: Wie ging es dann von Seiten der Behörden weiter? Welche Informationen bekommt man wenn man positiv getestet wurde?

Sophia: Ab dem Zeitpunkt des positiven Testergebnisses bekommt man mehr Informationen beziehungsweise einen neuen behördlichen Bescheid. Man muss Informationen zur Verfügung stellen wie mit wem man Kontakt hatte und einige Schritte einleiten. Alle möglichen Personen mit denen man im infektiösen Zeitraum (ab 48h vor Beginn der ersten Symptome bis zur Quarantäne) Kontakt hatte müssen angegeben werden und werden von der Gesundheitsbehörde kontaktiert. Von den Personen werden dann Namen und Telefonnummern verlangt. Bei mir waren das arbeitsbedingt leider 13 Personen die als mögliche Kontaktpersonen galten und somit betroffen waren. Diese werden dann ebenfalls in Zwangsquarantäne geschickt, auch wenn sie keine Symptome zeigen. Getestet werden sie allerdings erst bei Aufkommen der typischen Symptome. Eine Kollegin wollte sich dennoch aufgrund von unspezifischem Husten testen lassen um Gewissheit zu haben.

Anna: Wie fand eure medizinische Versorgung statt?

Sophia: Von offizieller Seite gab es weder medizinische Versorgung noch Empfehlungen, Rezepte etc. Auf Anraten haben wir die Symptomatik mit Hustensaft behandelt und zur Stärkung des geschwächten Immunsystems hochdosierte Vitaminpräparate eingenommen.

Anna: Wer hat euch versorgt in der Quarantänezeit? Man darf ja nicht mal den Müll selbst runterbringen, richtig?

Sophia: Richtig! Diese behördlich verhängte Quarantäne – offiziell als Absonderung nach Epidemie-Gesetz bezeichnet – unterscheidet sich nochmals stark von der (Selbst-)Isolierung die die meisten Menschen aktuell praktizieren, da man tatsächlich die Wohnung nicht verlassen darf, die Post nicht aus dem Postkasten holen kann etc. Die Versorgung während Quarantäne lief über Verwandte und Freunde die sich freiwillig gemeldet und uns wirklich toll mit Erledigungen wie Lebensmitteleinkäufen unterstützt haben. Wir haben den Müll – in mehreren Säcken übereinander, um alles gut abzudichten – am Balkon gesammelt und dann vor der Entsorgung durch Bekannte vor die Tür gestellt mit Desinfektionsmittel und Einweghandschuhen. Ich frage mich aber schon, wer solche Dinge für Leute übernimmt die kein soziales Netzwerk haben das sich kümmern kann.

Anna: Hattest du während der Erkrankung Angst, dass die Symptome sich verschlimmer können? Stichwort Atemnot.

Sophia: Am Peak der Erkrankung hatte ich beim Versuch tief einzuatmen schon ein wenig Probleme und bekam sofort einen starken Hustenanfall. Da schlich sich dann schon ein bisschen die Sorge ein, was wenn es noch schlimmer wird?

Anna: Wie wurde sichergestellt, dass du genesen bzw nicht mehr infektiös bist?

Sophia: (lacht) Ich bin offiziell noch immer nicht entlassen. Wurde man positiv getestet, ist erkrankt und wird langsam wieder gesund sollte nach 48 Stunden ohne Fieber und Symptome nochmal getestet werden wenn der erste Test mindestens zehn Tage zurückliegt. Wir haben da ebenfalls proaktiv beim Gesundheitsamt mehrmals nachgefragt. Man benötigte demnach übrigens zwei negative Tests in einem Abstand von wenigen Tagen. Eigentlich hätte letzte Woche schon jemand kommen sollen, um einen weiteren Abstrich zu nehmen. Bis Dienstag war noch immer niemand da. Dann haben wir erfahren, dass der Testmodus geändert wurde. Erkrankte werden nun 14 Tage nach dem positiven Testergebnis, sofern man mindestens 48 Stunden Fieber- und symptomfrei war, telefonisch durch ein bestätigendes Gespräch mit der zuständigen Amtsärztin als genesen gezählt. Der Test mit negativem Ergebnis findet nun nicht mehr statt, außer man wurde im Krankenhaus aufgrund COVID-19 aufgenommen und behandelt. Es wirkt so, als fände hier nun eine Selektion statt aufgrund der Überforderung der Testkapazitäten, sodass der Modus umgestellt wurde. Ich möchte aber auch betonen, dass die zuständigen Gesundheitsämter von Bezirk zu Bezirk unterschiedlich agieren bzw. ausgelastet sind, von der Testung bis zur Genesung, und es nicht überall gleich abläuft.

Anna: Da du jetzt offiziell genesen bist: bist du jetzt auch immun?

Sophia: (lacht) Die nächste Frage die mich selbst sehr interessiert. Ich habe mich proaktiv informiert wo ich beispielsweise mein Plasma spenden könnte um zum einen die Forschung auf dem Gebiet anzutreiben und natürlich um für mich selbst zu wissen ob ich Antikörper gegen SARS-CoV-2 gebildet habe. Zu diesem Thema gibt es keinerlei Empfehlungen vom Gesundheitsamt. Ich habe sowohl an das Gesundheitsamt als auch an die Virologie der Medizinischen Universität Wien geschrieben, aber bislang noch keine Antwort erhalten. Unsere zuständige Amtsärztin meinte, sie sei dazu nicht befugt bzw zuständig konkrete Empfehlungen abzugeben. Es wurde zwar in der ZIB (Zeit im Bild) gemeldet, dass Genesene gesucht werden aber keine Informationen dazu kommuniziert, wo man sich melden soll. Das wirkt auf mich alles nicht gerade sehr strukturiert, auch was ein zentralisiertes System der bestätigten Fälle beim zuständigen Gesundheitsamt betrifft. Dabei wäre gerade das Testen auf Immunität so unglaublich wichtig. Nicht nur für Betroffene persönlich, sondern vor Allem zur besseren Bewältigung der Krise.

Anna: Wie würdest du die Gefahr von COVID-19 für jüngere Menschen einschätzen basierend auf deinen Erfahrungen damit?

Sophia: Mein wichtigstes „Learning“ aus der Sache ist, dass die Erkrankung nicht pauschalisierbar ist. Mein Freund und ich waren beide positiv mit sehr unterschiedlichem Verlauf. Ein Bekannter von mir – in unserem Alter, sehr fit und gesund – hatte zunächst einen milden Verlauf. Sein Immunsystem ist allerdings geschwächt und da es weitere Komplikationen gab musste er sogar ins Krankenhaus.

Ich finde es enorm wichtig die Krankheit nicht zu unterschätzen und die richtigen Maßnahmen umzusetzen. Jeder sollte jetzt so gut er kann sein Immunsystem boosten und schnell agieren falls es heftigere Symptome geben sollte. Wichtig ist, dass keine Angst und Panik verbreitet wird sondern die Menschen aktiv aufgeklärt werden. Hier vor allem auch die jüngeren Menschen, denn die kann es ebenfalls sehr stark treffen.

Wir sollten versuchen diese Krise dennoch auch als Chance zu sehen die über die Isolationszeit hinausgehen kann, was insbesondere Solidarität betrifft. Und ganz wichtig, wir sollten aufeinander schauen anstatt uns gegenseitig zu überwachen.

Ein Aufmunterungsgeschenk in der Quarantänezeit das Sophia von einem lieben Freund bekommen hat