Local Heroes- Maja P.

3. Dezember 2020 Von Anna Katschnig

“Overworked and Underpaid” – unsere Pflegekräfte

In “Local Heroes” erzählen wir euch echte Geschichten von den wahren Helden/innen der Coronakrise.

18.11.2020, Wien- Österreich

Die zweite Welle schlägt mit voller Wucht zu und trifft insbesondere die Pflege- und Altenheime stark. Die Corona Sterblichkeit in dieser vulnerablen Gruppe liegt laut einer aktuellen Analyse bei etwa 53% österreichweit.1

Ohne sie geht eigentlich gar nichts, sie sind die Stützpfeiler unserer Gesellschaft und insbesondere in der fortlaufenden Corona-Krise einer extremen Belastung ausgesetzt: unsere Pflegekräfte. Seit März diesen Jahres (Anmerkung: 2020) heißt es zu der ohnehin schon anstrengenden Arbeit auch noch höchste Sicherheitsstufe. Denn Sie arbeiten im Corona Hochrisikogruppenbereich, mit älteren, oft gesundheitlich labilen Menschen. Was es bedeutet seit neun Monaten in einem physisch und psychisch stark fordernden Arbeitsumfeld arbeiten zu müssen und trotzdem jeden Tag mit einem Lächeln in die Arbeit zu gehen hat uns Maja P. erzählt, 34 Jahre und gebürtige Kärntnerin. Maja ist Pflegekraft in der Steiermark und arbeitet in einem Wohnprojekt mit Menschen mit höchstem Hilfsbedarf (Pflegestufe 7).

Support your Grätzl: Liebe Maja, vielen Dank für deine Zeit. Wie geht es dir gerade?

Maja: (lacht) Danke, ihr werdet vielleicht überrascht sein das zu hören aber es geht mir tatsächlich gerade sehr gut. Klar ist die Zeit geprägt durch viele „auf“ und „abs“ und auch der Lockdown strengt an, trotzdem habe ich viele Gründe glücklich zu sein. Ich habe einen guten und sicheren Job, viele Menschen in Österreich haben ihren Job in der Krise verloren (Anmerkung: derzeit fast 360.000 Arbeitslose in Österreich2). Ich kann durch meine Arbeit täglich raus und ich bin sehr privilegiert was mein privates Umfeld angeht. Außerdem habe ich neue Hobbies entdeckt und wiederbelebt, wie zum Beispiel das Laufen.

Support your Grätzl: Kannst du uns kurz erzählen wie du den Beginn der Corona Krise (Anmerkung: in Österreich März 2020) persönlich und beruflich erlebt hast?

Maja: Ich habe die Situation als sehr plötzlich erlebt, vieles ging viel zu schnell um es auch gleich gedanklich verarbeiten zu können. Da waren diese furchtbaren Bilder aus Italien, die extreme Verunsicherung die dadurch für uns entstand, denn unsere Bewohner gehören zur Hochrisikogruppe. Der Wissensstand war im Frühjahr nicht der heutige, man wusste kaum etwas über die Erkrankung COVID-19 und die rasche Übertragbarkeit des SARS COV-2 Virus und trotzdem mussten wir sofort darauf reagieren. Eine Krisensitzung folgte der nächsten, Hygieneschulungen und absolute Vorsichtsmaßnahmen für alle Mitarbeiter standen an der Tagesordnung, was auch privat starke Einschränkungen bedeutete die weit über den Lockdown hinausgingen.

Support your Grätzl: Als sich die Lage zuzuspitzen begann, wie hast du die Maßnahmen die von der Regierung veranlasst wurden erlebt?

Maja: Die Maßnahmen der Regierung rund um den ersten Lockdown verhängt wurden, waren richtig und auch ungemein wichtig. Meiner Meinung nach war es gut, dass so früh und so streng gehandelt wurde. Leider gab es kaum staatliche Unterstützung für die Pflegeinstitutionen. Wir haben uns anfangs Desinfektionsmittel und Stoffmasken, die natürlich nicht dem benötigten Standard entsprachen, selbst organisiert. Anfangs gab es ja auch keine Schutzausrüstungen und zu wenig FFP-2/3 Masken. Im Sommer hat sich die Lage dann gottseidank etwas entspannt, aber während dem ersten Lockdown fehlte es uns an allem. Zudem hatten wir kaum die Möglichkeit auf regelmäßige Testungen innerhalb der Arbeitsstätte. Wir wurden hier trotz mehrmaligen Nachfragens bei 1450 immer wieder abgewiesen, da gab es ja auch noch nicht die Möglichkeit im Haus Schnelltests durchzuführen.

Support your Grätzl: Ich nehme an ihr habt während der Krise noch mehr gearbeitet als ohnehin schon. Wurden die lang angekündigten Gehaltserhöhungen für den Pflegebereich jemals durchgesetzt?

Maja: (seufzt)Ja wir sind alle stark in die Überstunden gekommen. Wir haben einmalig einen „Corona-Bonus“ von 500 Euro ausbezahlt bekommen, Gehaltserhöhungen waren aber sehr schnell kein Thema mehr. Mir würde ja schon eine Zulage als stellvertretende Leitung und die Bezahlung des Nachtdienstes reichen (lacht). Mein Vorgesetzter meinte einmal in Laufe einer hitzigen Diskussion rund um die Gehaltserhöhungen: wenn er selbst das Geld hätte, würde er es uns aus eigener Tasche bezahlen. Das Problem ist aber bei Kollektivvertrags-Verhandlungen hat der Bund das letztes Wort. Leider ist die Entlohnung die wir für unsere Arbeit bekommen weder wohlwollend noch wertschätzend.

Support your Grätzl: Liebe Maja, Kannst du uns einen typischen Tag in deiner Pflegeeinrichtung beschreiben? Was hat sich hier durch COVID-19 verändert

Maja: Wir starten mit der Morgenpflege also die Bewohner werden geduscht, dann gibt es Frühstück. Anschließend geht jede/r Bewohner/in seiner/m individueller Tagesverlauf nach wie zb. kleinere Arbeiten, Hobbies und ähnliches. Abends findet die Abendpflege statt mit der Medikamentenvergabe. Das ist aber nur der eine Teil unsere Arbeit. Der andere Teil, der nicht zu unterschätzen ist, ist der emotionale Support der aufgrund der Krise natürlich zugenommen hat. Wir müssen unsere Bewohner ja immer wieder aufklären wie die aktuelle Lage rund um das Virus ist, welche neuen Bestimmungen es wieder von der Regierung gibt und welche Konsequenzen diese für sie haben. Natürlich haben wir aber auch viele Menschen die sich sehr gut selbst informieren, die allgemeine Verunsicherung unter den Bewohnern ist trotzdem durch die vielen neuen Änderungen deutlich spürbar. Außerdem waren regelmäßige Termine bei Physiotherapeuten und Masseuren ja während des Lockdowns komplett ausgesetzt. Viele der Bewohner waren komplett abgeschnitten und hatten als einzige Kontakte uns Pflegekräfte. Natürlich versucht man da auch von der menschlichen Seite noch mehr da zu sein.

Support your Grätzl: Wart ihr in deiner Berufstätte auch von COVID Fällen, Quarantäne und Ähnlichem betroffen?

Maja: Durch die Hochrisikogruppe die wir betreuen waren wir eigentlich quasi immer im Quarantäne-Modus, auch privat haben wir uns alle, und tun es nach wie vor, sehr stark eingeschränkt und persönliche Kontakte auf ein Minimum reduziert. Einmal hatte ich den Fall, dass ich mit einem Bewohner über 24h isoliert wurde da er ein Verdachtsfall war. Ich habe ihn komplett alleine versorgt bis zur Entwarnung am Nachmittag des nächsten Tages. Solche Dinge können vorkommen und sind natürlich für alle Beteiligten zusätzlich belastend.

Support your Grätzl: Wie hältst du dich körperlich und mental fit? Wie schaffst du die Abgrenzung von der Arbeit?

Maja: Durch Corona ist meine Work-Life-Balance zurzeit quasi nicht existent (lacht). Aber ich achte sehr darauf körperlich und mental fit zu bleiben. Ich hab mir zum Beispiel angewohnt nach der Schicht, wenn nicht gerade Nachschicht, nach Hause zu laufen. Mittlerweile kommt es mir richtig komisch vor, wenn ich das einmal auslasse.

Support your Grätzl: Möchtest du uns von einem Erlebnis in deiner Arbeit erzählen, dass dich heuer persönlich berührt hat?

Maja: Also ehrlich, da waren so viele Erlebnisse. Am am Deutlichsten geprägt hat mich heuer die Intensität der Zusammenarbeit in unserem Team. Auf diese Menschen kann ich mich einfach immer verlassen, wir würden füreinander alles tun und unterstützen uns so gut wie es geht. Nie ohne mein Team!

Support your Grätzl: Wenn die Impfung kommt, wirst du dich als Mitarbeiter im Bereich Pflege wahrscheinlich impfen lassen müssen. Wie stehst du persönlich zu dem Thema SARS COV-2 Impfung?

Maja: (lacht) Wahrscheinlich muss ich mich impfen lassen und dafür dann 300 Euro aus eigener Tasche dafür bezahlen, das würde mich wenig wundern. Ich würde es aber natürlich trotzdem machen, um auch selbst wieder leben zu können und unsere Bewohner und meine KollegInnen zu schützen.

Support your Grätzl: Liebe Maja, vielen Dank für deine Zeit und aufrichtigen Worte. Was möchtest du den Menschen da draußen noch gerne mitgeben?

Maja: Ich möchte gerne nochmal klarstellen: den SARS-COV2 Virus gibt es leider wirklich! Ich glaube manchen ist der Ernst der Lage noch immer nicht bewusst. Für meine KlientInnen kann er allerdings ein Todesurteil sein. Manchmal frage ich mich schon wie sehr die Menschen sich beschweren können wenn sie beim Einkaufen eine dünne Maske tragen müssen, wir müssen fast den ganzen Tag mit Sicherheitsmaske verbringen und dabei Schwerstarbeit verrichten, wie erwachsene Menschen heben und duschen. Ich würde mir wünschen, dass die Regierung und die Menschen erkennen welchen Stellenwert die Pflege für unser Land hat, was wir hier tagtäglich für die Allgemeinheit leisten. Ich wünsche mir außerdem, dass mehr „Awareness“ für uns PflegerInnen geschaffen wird. Wir haben einen Kollegen, der nur ein befristetes Visum für Österreich hat. Obwohl er hier jeden Tag mit uns Österreicher/innen versorgt, und wir ohne ihn aufgeschmissen wären, wissen wir nicht ob er in Österreich bleiben kann. Wir kämpfen tagtäglich darum ihn bei uns halten zu können.

Schnappschuss aus dem Alltag von Maja P. und ihren Kolleg/innen. Nicht im Bild: Die Angst, die Anstrengung, der Kampfgeist, die Herzlichkeit, der Humor und die Resilienz der Menschen die täglich unter extremen Bedingungen in der Pflege arbeiten.

1https://www.derstandard.at/jetzt/livebericht/2000121817929/1000208749/zahl-der-corona-toten-steigt-massiv-in-alten-und-pflegeheimen

2https://de.statista.com/statistik/daten/studie/289159/umfrage/arbeitslosenzahl-in-oesterreich-nach-Monaten/#:~:text=Arbeitslosigkeit%20in%20%C3%96sterreich,deutlichem%20Abstand%20an%20der%20Spitze