Local Heroes

30. März 2020 Von Anna Katschnig

Bei „Local Heroes“ möchten wir euch kleine Heldengeschichten aus unserem neuen, unfreiwilligen Alltag in Österreich inmitten der Corona-Pandemie erzählen. Alle Interviews und Geschichten sind natürlich wahr, Namen und Orte an denen sich die Geschichten abgespielt haben werden von uns verändert um die Privatsphäre unserer „Helden/innen“ zu schützen. Wir wünschen euch viel Inspiration, Motivation und Emotion beim Lesen. Euer Supportyourlocal Team.

“Freiwillig in Altersheim”- mein persönlicher ‘Local Hero’: Thomas M

Österreich ist im Ausnahmezustand. Seit etwas mehr als einer Woche (Anmerkung dem 16.03.2020) leben wir offiziell in Quarantäne beziehungsweise unter strikten Ausgangsbeschränkungen. Die Zahlen an COVID-19 Infizierten sind zuletzt so drastisch gestiegen das die Regierung dazu gezwungen war rasch und mit starken Einschnitten in das gesellschaftliche Leben zu reagieren. Für viele ist diese neue, sozial isolierte Situation eine ungewohnte Herausforderung. Zusätzlich hängen Berichterstattungen aus Italien und anderen europäischen Staaten wie ein Damokles Schwert über den Köpfen der Österreicher/Innen. Was wir in diesen Stunden brauchen ist Zuversicht, Hoffnung und Motivation. Eine unfassbar große Motivationsquelle für mich persönlich sind die „Heldentaten“ einzelner Personen in dieser Zeit.

Ich möchte hier eine ganz besondere „Heldengeschichte“ mit euch teilen, die mich persönlich sehr berührt hat. Sie handelt von Thomas M., 26 Jahre, Physiotherapeut in einem Pflegeheim für alte Menschen in Oberösterreich. Thomas hat vor etwa 10 Tagen, als die Lage sich zunehmend zuzuspitzen begann, kurzerhand beschlossen freiwillig in seine Arbeitsstätte, das Altersheim, zu ziehen. Seine Beweggründe und wie diese Entscheidung von der Heimleitung aufgenommen wurde hat er mir erzählt.

Anna: Hallo Thomas, wie geht es dir gerade- auf der berühmten Skala von 1-10?

Thomas M.: Hallo Anna. Noch bin ich nicht am Durchdrehen (lacht). Nein, eigentlich ganz gut. Ich lerne langsam (Anmerkung: nach etwa 12 Tagen in Quarantäne im Altersheim) mit der Situation klarzukommen, das Leben ist aber natürlich schon ein wenig abgeschottet hier. Also wenn ich dem eine Nummer geben müsste: eine 8 während der Arbeitsstunden und eine 5 in meiner Freizeit. Die schlechtere Bewertung für die Freizeit hat vor allem mit dem stark eingeschränkten Sozialleben an den Wochenenden hier zu tun. Zuhause lebe ich ja in einer Wohngemeinschaft und bin das gesellige Leben daher gewohnt.

Anna: Wie bist du auf die Idee gekommen dich freiwillig an deinem Arbeitsplatz in Quarantäne zu begeben?

Thomas M.: Den Gedanken hatte ich schon eine Weile in mir. Aber eigentlich hat mich ein Telefonat mit meiner Mutter davon überzeugt. Ich schilderte ihr die heikle Lage und die Gefahr für die Heimbewohner/innen, wenn Mitarbeiter/innen täglich kommen und gehen sowie wöchentlich Mitarbeiter/innen Rotationen stattfinden. Sie hatte die Idee, dass ich doch für die Dauer des geplanten „Shutdown’s“ dort einziehen könnte. Die Heimverwaltung stimmte sofort zu, so wurde das Ganze sehr schnell Realität. Ich packte meine Sachen und bezog eines der leeren Heimzimmer.

Anna: Was war deine Hauptmotivation für den Einzug ins Heim?

Thomas M.: Viele der Heimbewohner/innen sind mir sehr ans Herz gewachsen. Ich könnte es mir nicht verzeihen, wenn ich sie einem unnötigen Risiko aussetze indem ich täglich das Heim wieder verlasse und erst am nächsten Tag wieder komme. Außerdem kann ich mich so noch intensiver um die alten Menschen kümmern. Viele von Ihnen verstehen die Situation nicht wirklich und fühlen sich durch das Besuchsverbot von Verwandten noch isolierter und vereinsamen.

Anna: Wie schätzt du die Lage in OÖ ein und wie in deinem Heim zurzeit?

Thomas M: Insgesamt habe ich das Gefühl, dass die Lage schon sehr ernst genommen wird. Wenn ich aus dem Fenster blicke, sehe ich aber schon auch noch sehr viele Leute draußen spazieren und sporteln, was auch ok ist denke ich. Der nötige Abstand scheint eingehalten zu werden soweit ich das beurteilen kann und ich kann verstehen, dass das schöne Wetter die Leute raus treibt (Anmerkung: Interview fand am 21.03.2020 statt). Die Lage im Heim ist alles in allem stabil, es sind keine Besuche von außerhalb erlaubt und außerhäusliche Aktivitäten wurden eingestellt. Noch hatten wir keinen positiven Fall bei uns, gottseidank.

Anna: Thomas, wie sieht ein typischer Arbeitstag für dich aus?

Thomas M.: Das tolle ist, jeder Tag ist ein bisschen anders wenn man mit Menschen arbeitet (schmunzelt). Ich stehe eine halbe Stunde vor Dienstbeginn auf, frühstücke (Anmerkung: Verpflegung bekommt Thomas im Heim) dann gehe ich zu meinem Arbeitsplatz, der Physiotherapieraum. Dort checke ich mal den Computer ob es neue Corona Verdachtsfälle gibt, neue Anweisungen der Heimleitung etc. Dann kommen eh schon die ersten Heimbewohner und wir beginnen mit den Therapieeinheiten. Dieser Tage müssen wir viele Mittelwege finden, da wir nicht mehr gleichzeitig mehrere Heimbewohner/innen in einem Raum behandeln dürfen. Da schauen wir dann natürlich, dass dringende Fälle vorgezogen werden. Die Arbeit mit den alten Menschen macht mir aber großen Spaß und bereichert mich sehr. Ich komme jetzt natürlich auf viel mehr Überstunden als sonst, da ich mich in meiner Freizeit auch vermehrt um die Menschen kümmere. Es fallen ja die zwischenmenschlichen Kontakte extrem weg, das belastet die alten Menschen natürlich sehr.

Anna: Jetzt haben wir ja gehört, dass die Maßnahmen noch mindestens bis zum Ostermontag, dem 13.04.2020, verlängert werden. Wie geht es dir damit noch mindestens so lange hierbleiben zu müssen?

Thomas M: Das Problem ist, dass ich nicht genug Wäsche dabeihabe (lacht). Die Heimleitung hat gefragt warum ich nicht am Wochenende nach Hause fahre. Dann wäre das aber alles umsonst. Ich versuche mich mit der Situation zu arrangieren aber die Wochenenden sind natürlich schon hart, da habe ich quasi kein Leben. Ich versuche täglich Sport zu machen, gehe zum Beispiel Laufen an der frischen Luft, und bemühe mich körperlich und geistig fit zu bleiben.

Anna: Lieber Thomas, vielen Dank für deinen unglaublichen Einsatz für deine Mitmenschen. Du bist ein wahres Vorbild, nicht nur für deine Berufsgruppe (Anmerkung: Physiotherapeuten) sondern für jeden Einzelnen von uns. Möchtest du den Leuten „da draußen“ noch etwas mitgeben?

Thomas M: Ich würde mir wünschen, dass jeder Einzelne den Ernst der Lage realisiert und die von der Regierung empfohlenen Maßnahmen strikt einhält, ohne dabei die Nerven zu verlieren. Ich bemerke, dass viele junge Menschen denken sie wären unverwundbar (Anmerkung: WHO Warnung vom 21.03.2020: „Auch junge Menschen sind gefährdet an COVID-19 schwer zu erkranken“). Auf der anderen Seite fällt mir auf, dass Leute in Panik geraten und dadurch sehr anfällig für durch die sozialen Medien geisternde Verschwörungstheorien werden. Meine Bitte an euch: bewahrt trotz der außergewöhnlichen Situation einen kühlen Kopf und Lachen ist nach wie vor erlaubt. Ich spüre jeden Tag in meiner Arbeit wie sehr ein Lächeln ansteckend ist, da ist das Wort „ansteckend“ mal im Guten Sinne gemeint (lacht). Alte Menschen bei Laune zu halten während rundherum ungewohnte, verunsichernde Dinge passieren-das stellt die größte Herausforderung meiner derzeitigen Tätigkeit dar.